Es ist eine ausgelassen Stimmung, die im Emsstadion herrscht. Schon vom Wykhoffweg aus sind die Schreie und Jubel einiger Borssumer Spieler zu hören. Allerdings war es eben kein Bezirksliga-Spiel, dass dort stattgefunden hatte. Sondern ein spezielles Training, bei dem der eine oder andere Beinschuss oder Punktgewinn beim Fußball-Tennis für Ekstase sorgt. Speziell ist es aber auch deshalb, weil Trainer Sebastian Krettek und Spieler Brian Wienekamp nach der Einheit verabschiedet werden. Sebastian Krettek zeigt sich wehmütig. Nach vier Jahren Traineramt in Borssum verlässt der 41 Jahre alte Familienvater den Verein. Während er sein Interview gibt – sein vermutlich vorerst letztes in dieser Funktion – zeichnet sich in seinem Gesicht irgendwas zwischen Trauer und Erleichterung ab. Einen richtigen Einblick gibt Krettek aber selbst: „Ich habe in den letzten Jahren viel verpasst. Ob ich nun beruflich viel auf der See unterwegs bin, oder abends meine Jungs trainiere. Da bleibt nicht viel Freizeit über.“ Freizeit, die ihm und seiner Familie fehlen. Deswegen ist das Verständnis in der BWB-Familie umso größer. „Natürlich tut es auch weh, meine Freunde hier zurückzulassen. Aber noch mehr tut es weh, meiner Tochter auszuschlagen, dass wir eine Runde Fahrradfahren oder auf den Spielplatz gehen.“ Eine Träne rollt zwar nicht, wässrige Augen hat Krettek aber schon. Kaschiert es aber gekonnt mit einem Lächeln.

Eine Äre bei Blau-Weiß geht nun zu Ende

Es ist schon eine kleine Ära, die zu Ende geht. Krettek kam in einer Phase, in der es alles andere als einfach war für die Ost-Emder: „Sebastian hat uns in der Saison 2015/2016 vor dem sichergeglaubten Abstieg aus der Bezirksliga bewahrt“, erinnert sich Team-Manager Christian Fraas. Krettek übernahm damals das Amt von Jens Dieker. „Eigentlich wollten wir ihn erst zur neuen Saison einbauen, damit er nicht den Stempel eines Abstiegstrainers bekommt“, gibt Fraas zu. Am Ende rettet Krettek die Blau-Weißen und startet auch in der Saison 2016/2017 in der Bezirksliga.

Ein Erfolg, der für den Verein und den gebürtigen Polen zu diesem Zeitpunkt keine Selbstverständlichkeit waren. Der heutige Meyer-Werft-Mitarbeiter beeindruckt auf dem Platz nicht nur als Spieler, sondern auch als Trainer. Krettek spielt in seiner Jugend unter anderem in zwei Jugendteams der deutschen Nationalmannschaft. „Er strahlt einfach etwas aus, dass viele andere Trainer nicht haben. Auch, wie er nach und vor dem Spiel nicht nach Ausreden sucht, ist schon beeindruckend“, sagt Fraas, der sich nicht verkneifen kann zuzugeben, dass er sich selbst auch das eine oder andere bei Krettek abgeschaut hat. „Einige Dinge helfen mir auch bei der zweiten Mannschaft“, lacht Fraas.

Start in einen neuen Lebensabschnitt

Für den Familienmenschen Krettek beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt. So ganz und gar ohne Fußball soll es dann aber doch nicht sein: „Ganz verzichten kann ein Fußballer nicht auf seinen Sport. Das ist doch klar“, lacht der Ex-BWB-Coach. Zumindest die Heimspiele werde er in der kommenden Saison auf jeden Fall besuchen. Schließlich wohne er nur wenige Gehminuten entfernt – und schließlich kann dort die Familie auch mitgehen und trotzdem Papa-Zeit verbringen. Krettek schmunzelt.

Bei genaueren Blicken auf die Trainingseinheiten bei den Borssumern zeigt sich schnell: Krettek ist mehr als nur Trainer. Er ist Mitspieler. Er ist ein Freund geworden. Es spricht für die familiäre Umgebung am Wykhoffweg. „Sebastian ist menschlich und fachlich ein Top-Typ. So einen Trainer kann man sich eigentlich nur an der Seite wünschen“, adelt Co-Trainer Thielko Boekhoff seinen nun Ex-Kollegen.

Wer Krettek kennt, weiß, dass er eines Tages wieder zurückkehren wird. Vielleicht nicht an die Seitenlinie der Borssumer, aber als Trainer liegen noch ein paar gute Jahre vor ihm: „Nun erst einmal eine Pause und dann schauen wir noch einmal“, verabschiedet sich der 41-Jährige mit einem Augenzwinkern vom Interview. Schließlich braucht ihn gerade seine Mannschaft beim Fußball-Tennis. Und seine Mannschaft hat er in der Vergangenheit noch nie hängen lassen – und das wird auch so bleiben.

Artikel von Patrick van Hove aus der Emder Zeitung vom 28. Juli 2020

 

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